Abenteuer Afrika

Reisetagebuch von Sylvia Vogel und Charly Julier (www.4x4expedition.com)

Südafrika

Montag, 22.05.2006 bis Sonntag, 09.07.2006

Wieder in Kamberg auf der Pferdefarm Sans Souci

Wie immer hatte Rick jeden Morgen unsere Kaffeetassen fertig gemacht, heisses Wasser auf dem Kohleofen und sein berühmter Pap war am brodeln. Hier gibt es jeden Morgen Pap. Mit viel Wasser gekocht nennt man dies Slap-Pap und mit wenig Wasser Krümel-Pap, weil der Maisbrei dann krümelig wird. Das Ganze muss lange auf kleiner Flamme kochen. Je länger - je besser, erklärte man uns. Der Brei wird dann zum Frühstück je nach Geschmack mit Milch, Zucker und Butter verfeinert.

Gleich am Montag morgen machte sich Charly wieder an die Arbeit und auch ich beeilte mich die Pferde zu füttern. Es war herrlich wieder all diese sanften Samtnasen zu kraulen. Milky Way, das gelbbraune Fohlen stand schon mit ihrer Mama im Round-Pen und wartete auf Futter. Sassy mit ihrem Fohlen Texas, Satin und Chief Red erhielten ebenfalls wie jeden Morgen eine extra Ration. Der Rest musste sich seine Ration je nach Rangordnung am Futtertrog selber abholen.

Jeden Tag verbrachte ich damit die Pferde zu füttern und anschliessend begann das Training mit den Fohlen. Am Anfang waren noch viele scheu, doch mit der Zeit gewannen sie immer mehr Vertrauen und wurden richtig zutraulich. Wie schon erwähnt, werden die Pferde auf der Farm nach dem pferdefreundlichen Pat Parelli System trainiert. Viele Streicheleinheiten, Geduld und doch Hartnäckigkeit und Konsequenz sind das Rezept für unverdorbene Pferde.

Wenn Reiter kamen, führte ich unter der Woche den Ausritt. So hatten Patrick und Rick mehr Zeit für Feuerschneisen und ihre Werkstatt. Es gab immer etwas zu reparieren. Ihre schwarzen Angestellten übten nicht gerade viel Sorgfalt im Umgang mit den Maschinen. Es war immer etwas kaputt und ihre Lastwagen waren auch nicht mehr die jüngsten. Einmal überschlug sich sogar ein Traktor, weil der Fahrer unachtsam war. Der Fahrer hatte Glück im Unglück und war nur leicht verletzt.

Charly hämmerte und sägte täglich an der Wohnkabine. Oft hörte ich ihn fluchen, doch helfen konnte ich selten. Wir fuhren bis nach Durban um die Alu-Platten zu beschaffen und in Pietermaritzburg kannten wir uns auch bald aus. Patrick besorgte uns eine gute, kleine Druckluft-Nietmaschine, da Charly unmöglich die ganzen Nieten von Hand anbringen konnte.

Nach zwei Wochen werkeln, hatte es Charly geschafft die Alu-Wand neu aufzubauen. Nun mussten wir nur noch den Schaum einfüllen. Patrick kannte Franco, welcher eine Sattlerei in Mooi River betreibt. Der Sattelbaum wird aus hartem HPU-Schaum hergestellt, sprich genau das Richtige für unsere Rückwand. Während ich mit der ganzen Familie Johnson zu einem Appaloosa-Vereinstreffen ging und mir einen Kurs über das Pat Parelli System anschaute, füllte Charly und Franco die Rückwand mit dem Schaum auf. Leider war der Schaum sehr expandierend, weshalb die ganze Rückwand trotz stabilisierenden Zwischenstücken auseinander gedrückt wurde.

Die ganze Arbeit war umsonst und Charly musste wieder von vorne anfangen. Rick sagte „Murphy“ war bei uns zu Hause und schien gar nicht so unglücklich zu sein, dass wir noch ein Weilchen auf der Farm blieben. Trisha bedauerte zwar, dass Charly nun die ganze Arbeit noch einmal machen musste, wo er doch soviel Energie hineingesteckt hatte, doch freute sich gleichzeitig, dass wir noch etwas blieben.

Wir fuhren wieder nach Durban und besorgten die Alu-Platten, den Weg kannten wir ja nun schon. Charly werkelte wieder jeden Tag am Auto.

Ich war unterdessen mit meinen Babies beschäftigt und freute mich jeden Tag sie zu trainieren. Ich war von früh morgens bis in die Dunkelheit im Round-Pen. Die grösseren mussten auf Kommando rückwärts laufen und schön an der Longe im Kreis laufen. Die Kleinen wurden ans Halfter gewöhnt und mussten das kleine 1x1 der Pferdeschule lernen, wie Hufe geben, dem Strick folgen, stillstehen beim Putzen, Druck ausweichen, usw. Am Anfang war so manches Mal ein grosses Fragezeichen in ihren Köpfen. Was will die? Ahhh, wenn ich das mache, dann hört der Druck auf – mmmh, dass will sie also. Die Augen blinken, das Pferd denkt – das Maul kaut und das Pferd ist am begreifen.

Die einen waren etwas intelligenter und begriffen sofort, andere hatten etwas länger – wie bei uns Menschen und jedes hatte auch seine eigene Persönlichkeit. Es gab viele Fohlen ohne Namen und so überlegte ich mir ein paar Namen für sie. Ich erstellte eine Liste und besprach die Namen mit der Familie Johnson. Es sollten indianische Namen sein, und/oder ihrem Aussehen oder ihrem Charakter entsprechen. So nach und nach hatten fast alle einen Namen bekommen.

Alesha und ich holten Knees mit ihrem Fohlen Comanche von der unteren Weide. Sie hatte eine schwere Hufentzündung und brauchte tägliche Pflege. Da sie fast nicht mehr laufen konnte, hatte sie nur noch wenig gefressen und sah nun erbärmlich aus. Sie bekam täglich eine 4-fache Ration und Patrick liess eine Spezialistin für ihre Hufe kommen. Mit viel Geduld und natürlich Aufwand wurde ihr Zustand täglich besser. Täglich mussten ihre Hufe mindestens 20 Minuten unter Wasser und der böse Hufe musste nun regelmässig nachgeschnitten werden.

Mitte Juni bekam ich Verstärkung. Alesha hatte Schulferien und Luise, die wir ja schon vom Reitclub kannten, kam ebenfalls auf die Farm um Pferde zu trainieren. Luise lebte sich rasch ein und übernahm sofort die morgendliche Fütterung, da sie sowieso Frühaufsteherin war. Auch am Abend half sie Trisha und mir in der Küche.

Irgendwann Ende Juni hatten weder Rick noch Patrick Zeit Battle Stars Herde hoch zu holen und so bat mich Rick die Pferde doch mit dem Motorrad zu holen. Es war ein sonniger, warmer Tag und ich sagte zu. Ich holte mir einen Helm und stieg aufs Motorrad. Ich knatterte mit dem Ding zur unteren Weide. Die Pferde hatte ich schnell von der Weide getrieben, doch beim Übergang über den kleinen Fluss stellte das Moped plötzlich ab. Ich brachte das verfluchte Ding nicht mehr zum Laufen und musste zu schauen, wie die Pferde in die falsche Richtung galoppieren. Na Bravo! Endlich sprang das Ding wieder an und ich fuhr hinter den Pferden her. Diese waren in der Zwischenzeit auf der anderen Seite in Richtung Spotted Horse gelaufen. Ich folgte ihnen und musste durch den grossen Fluss fahren. Die Steinplatten waren glitschig und es kam wie es kommen musste – ich rutschte aus und legte das Motorrad flach. Ich war nur bis zu den Knien nass geworden, doch das Motorrad war abgesoffen. Mühsam stiess ich das Gefährt auf die andere Uferseite und liess es dort bis die Zündung wieder trocken war. Unterdessen trieb ich die Herde zu Fuss zum Haus. Später hatte ich natürlich für den Spott nicht zu sorgen, schliesslich hatten Rick und Patrick schon die selbe Erfahrung machen dürfen.

Ein paar Tage später trieben wir alle Pferde von Yukatans Herde in den Paddock. Karen kam und machte von jedem Pferd ein Foto. Alesha und ich fingen die Pferde ein, während Trisha mit Louise die Namen aufschrieb, wer war die Mama, welche Stute trächtig war, wer brauchte dringend einen Hufschmied, usw. So haben wir die Herde mit 71 Pferden katalogisiert.

An einem anderen Tag holten wir Battle Stars Herde. Dieser grosse, weisse Appaloosa Hengst hatte Flapped, eine braune Stute, böse in den Hals gebissen. Eine grosse, klaffende Wunde war entstanden und musste gereinigt werden. Die Fohlen waren in dieser Herde noch roh und entsprechend wild. Kein Mensch hatte sie vorher berührt.

Wir erhielten per 1. Juli eine weitere Verstärkung, nämlich Kim. Eine junge Frau und wie Alesha süsse 20 Jahre alt. Die Beiden hatten per sofort einen guten Kontakt zueinander.

Nun hiess es die Fohlen von Battle Stars Herde zu zähmen. Dazu wurde das Fohlen von der Herde getrennt und in den Round-Pen getrieben. Natürlich rannten die Kleinen zuerst davon. Die einen rasten im wilden Galopp durch die Arena, die anderen nahmen es etwas gemütlicher, aber es dauerte immer fast einen ganzen Tag bis sie zahm am Strick liefen. Bis zu unserer Abfahrt haben wir gerade einmal 5 Fohlen geschafft. Es kam einfach immer wieder etwas dazwischen. Ich nannte mein erstes Fohlen von der unteren Herde Desert Rose. Das zweite Fohlen hatte bereits einen Namen, es war Silver Bullet. Dieses kleine Ponyhirn war erst etwas über 3 Monate alt und ich dachte bei ihm hätte ich nicht lange, doch jagte er mich den ganzen Tag durch die Arena. Ohne Wasser und ohne zu essen haben wir beide mit einander den ganzen Tag gekämpft. Alesha musste mir schliesslich helfen, denn dieser kleine Racker hatte mich ganz schön verarscht. Er lief von Anfang an nicht gross weg von mir. Liess sich bald einmal von mir berühren, doch Halfter anlegen war nicht! Bei Desert Rose und den anderen brauchte ich dafür 15–30 Minuten, doch dieses Ponyhirn hatte es faustdick hinter den Ohren. Die Mama war ein Basotho-Pony, weswegen ich ihn Ponyhirn nannte. Gemeinsam mit Alesha wurde er in die Zwickmühle genommen und gab schliesslich nach. Doch dem Strick folgen tat er noch lange nicht. Er stieg und zog. Blieb bockig stehen. Stieg wieder und überschlug sich mehrmals. Gut war die Seitenwand des Round-Pens aus Gummistreifen, so konnte es sich nicht verletzen. Nach langem Kampf gab er auf und folgte dem Strick und damit konnte er endlich glücklich zurück zu seiner Mami. Ich trank gleich einen ganzen Liter Wasser. Ja, ja das Cowboyleben ist hart – macht aber Spass.

An den Wochenenden kamen immer einige Reiter, dann sattelte ich Kimusabie. Seine Mama war ein ehemaliges Rennpferd und Papa war Battle Star. Er hatte eine hübsche Farbe und konnte ganz schön schnell rennen. Doch beim Wettrennen mit Galaxy verlor Kimusabie. Es war wohl nicht sein Tag und man muss zugeben, dass Galaxy verdammt schnell ist. Two Socks hingegen hatte keine Chance. Es war herrlich ihn zu reiten, man flog förmlich über das Stoppelfeld. Er hatte einen guten Gehorsam, lief steile Hänge hinauf und hinunter, sprang mit mir eine Felsklippe hinunter und lernte schnell, wie ich das Gatter vom Sattel aus öffnen oder schliessen konnte. Er vertraute mir sogar so sehr, dass er mit mir ohne zu zögern auf den Iha-Rock kletterte und über jedes Hindernis sprang. Er war noch keine 4 Jahre alt und hatte so gut wie keine Unart. Sein einziges Problem war von der Herde wegzulaufen, doch mit etwas Training wurde auch das von Mal zu Mal besser. Am liebsten hätte ich ihn eingepackt und mitgenommen.

Während wir auf der Farm waren sind auch ein paar unangenehme Dinge passiert. Witzig war noch, dass man die Telefonleitung vom Masten klaute und diese wieder der Telekommunikations-Firma verkaufte, was - wie wir hörten - heute wohl üblich ist in Südafrika. Auf einer Nachbarfarm war das Dach eines Hauses geklaut worden. Hat jemand schon mal so was gehört, dass einer ein Dach klaut? Weniger witzig war der Überfall Ende Juni auf die Angestellten von Rick. Es war Freitag und Zahltag, also ein genialer Tag für Banditen. Die schwarzen Banditen haben die Arbeiter im Wald bedroht und als ein Arbeiter sein sauerverdientes Geld nicht hergeben wollte, hatte man diesen kaltblütig erschossen. Einen anderen hielt man über den Abgrund, bis er seinen Lohn und die Kreditkarte hergab. Bei Daily, der Hausangestellten, hatte man am gleichen Abend versucht einzubrechen. Rick war mit Freunden währenddessen auf der Jagd gewesen und hatte in der Nähe Schüsse gehört. Auf die Farm sind die Räuber nicht gekommen, wohl weil sie wussten, dass die Johnsons nicht unbewaffnet sind. Wild West in Südafrika.

Meinen Geburtstag habe ich auch auf der Farm verbracht, aber erst am Abend bei einem Glas Sekt verraten. An diesem Tag haben wir einen herrlichen querfeldein Ritt unternommen und am Nachmittag wurden Würste und Steaks gegrillt. Wir verabschiedeten uns von Johan und Brownwin, die mit ihren Pferden ebenfalls an dem Ritt teilgenommen hatten. Ja, Charly war inzwischen mit der Reparatur fertig geworden. Langsam - Lage für Lage - hatte er den HPU-Schaum an der Rückwand aufgebaut, Alu erneut zugeschnitten, aufgeklebt und mit zahlreichen Nieten befestigt. Der Anstrich war dann der Abschluss und Charly konnte zum Schluss kein Werkzeug mehr sehen.

Am Sonntag ritt ich ein letztes Mal mit Kimusabie auf den Iha-Rock und jagte mit ihm ein letztes Mal in einem Affenzahn über das lange Feld.

Zum Abschied hat Rick einen Springbock-Braten spendiert, welchen Louise lecker zubereitet hatte und mit Kartoffelsalat sowie Gemüse servierte. Wie Rick uns schon vor langer Zeit erklärt hatte, hat der Springbock wirklich das zarteste Fleisch. Charly war nicht zum Essen geblieben, denn er wollte noch zu Franco um sich zu verabschieden und um unsere Schulden begleichen. Ich wärmte ihm seine Portion später auf.

Ich verabschiedete mich von Rob und rang ihm das Versprechen auf eine Revenge ab. Irgendwann einmal! Schliesslich hatte er mit Galaxy mich und Kimusabie geschlagen, dass konnte ich unmöglich auf uns sitzen lassen. Er ging früher, da er noch einen Freund im Krankenhaus besuchen wollte.

Für mich wurde es Zeit die Schuhe zu reinigen und die Kleider zu waschen.

Am Abend verabschiedeten wir uns auch von Aleshas Eltern. Das Abschiednehmen nahm kein Ende mehr.

Trisha war letzte Woche nach Richards Bay gefahren und war fest überzeugt, dass wir noch am Dienstag da sein würden, wenn sie zurück kam. Sie hatte aber für den Fall, dass wir doch früher abfahren sollten, für Charly eine extra grosse Portion von ihren feinen Rusks gebacken. Die Biskuits wurden morgens zum Kaffee gegessen und Charly war die Maus die immer die Schachtel leerte. Damit Charly nicht unterwegs verhungert, hatte sie für ihn eine doppelte Portion gebacken.

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